Interview mit Andreas Fill

Fillharmoniker im Innviertel

Interview: Andreas Fill

Andreas Fill ist ein Industriekapitän der anderen Art. Seine Tür steht Mitarbeitern offen, mit dem Standort im Innviertel ist er hochzufrieden und Herausforderungen werden nicht diskutiert, sondern bewältigt.

Die Definition eines Hidden Champion ist maßgeschneidert für die Fill Gesellschaft m.b.H.: inhabergeführt, in der Weltspitze – und dem Endkonsumenten unbekannt. Tatsächlich sind in 80 Prozent aller PKW auf Europas Straßen Teile, die auf Anlagen des Maschinen- und Anlagenbauers aus Gurten im Inn­viertel produziert wurden. In der Aluminium-Entkerntechnologie, in der Gießereitechnik, in der Holz-Bandsägetechnologie sowie bei Ski- und Snowboard-Produktionsmaschinen ist Fill Weltmarktführer. Eine beachtliche Leistung für ein Unternehmen, das 1966 als Zwei-Mann-Betrieb von Josef Fill gegründet wurde. Im Jahr 2000 übernahm sein Sohn Andreas das Unternehmen, seitdem hat das Wachstum noch einen Zahn zugelegt. Starallüren sind Andreas Fill aber trotzdem fremd: Er führt das Unternehmen gemeinsam mit Wolfgang Rathner, der als Lehrling bei Fill senior begann. Entsprechend ernst wird die Rolle als Ausbildungsbetrieb auch heute noch genommen. Wie sehr die Mitarbeiter im Mittelpunkt stehen, zeigen zahlreiche Sozialleistungen und der kürzlich eröffnete Betriebskindergarten. Im Interview spricht Fill über Industrie 4.0, den Standort Innviertel und Expansionspläne.

Zur Person

Andreas Fill

 

Der heute 48-jährige Andreas Fill studierte nach der HAK-Matura acht Semester an der TU Wien, ehe er 1996 in das Unternehmen seines Vaters einstieg, das er im Jahr 2000 übernahm. Seine Frau Bettina ist ebenfalls im Unternehmen tätig. Der zweifache Familienvater und Nick-Cave-Fan legt großen Wert auf Ehrlichkeit und entspannt sich mit Tennis.

 

business: Wussten Sie schon bei der Übernahme, dass Sie aus dem Gewerbebetrieb ein globales Industrieunternehmen machen wollten?

Andreas Fill: Bereits zur Jahrtausendwende überwogen unsere Aktivitäten im Ausland jene in Österreich bei Weitem, weshalb das Thema Internationalisierung nicht wirklich neu war. Wir erarbeiteten auch gleich zu Beginn ein neues Leitbild und Visionen samt strategischen Ziele. Aber bei allen hochgesteckten Vorhaben hätten wir uns nicht erträumen lassen, was sich aus dem 200 MitarbeiterInnen starken Unternehmen im Laufe der Zeit noch entwickeln sollte. 

business: Ihr Unternehmen ist heute im Automotive-Bereich ebenso tätig wie in den Bereichen Sport, Aerospace, Holz, Energy und Bau. War das strategisch geplant oder reagierten Sie auf Anfragen?

Andreas Fill: Die strategische Planung hat mittlerweile natürlich an Bedeutung gewonnen. Aber letztendlich hat sich jeder Industriezweig aus einer Anfrage für eine Sondermaschine entwickelt. Wir haben uns nach erfolgreicher Umsetzung das Potenzial für weitere Maschinen in diesem Bereich ebenso näher angesehen wie Möglichkeiten für die vor- und nachgelagerten Prozesse. Daraus haben sich Sparten entwickelt, in denen wir fast den gesamten Bearbeitungsprozess abdecken können – vom flüssigen Aluminium bis zum einbaufertigen Gussteil.

business: Fill gilt auch als Vorreiter von Industrie 4.0. Wie weit sind Sie in diesem Bereich schon fortgeschritten?

Andreas Fill: Themen wie „zustandsorientierte Instandhaltung“ oder „easy to use machine“ standen bei uns schon auf dem Entwicklungsprogramm, als es den Begriff Industrie 4.0 noch gar nicht gab. Die Simulation in Echtzeit ist bei uns im Haus bereits seit fünf Jahren Stand der Technik. Mit der virtuellen Inbetriebnahme sind wir 2016 gestartet und haben schon knapp zehn Projekte erfolgreich umgesetzt. Die erste intuitiv funktionierende Maschine haben wir erstmals Ende Mai auf einer internationalen Leitmesse für die Holzindustrie präsentiert. Projekte wie die virtuelle Bedienerschulung und die automatische Codegenerierung werden uns sicherlich noch etwas länger beschäftigen, aber ich bin guter Dinge, dass wir auch hier 2020 in die Zielkurve einbiegen.

business: Welche Hürden gibt es noch zu überwinden?

Andreas Fill: Wie weit Industrie 4.0 in den nächsten Jahren Einfluss auf uns haben wird, hängt mitunter stark mit den Themen Datenschutz und Datensicherheit zusammen. Hier gibt es sicherlich auch zukünftig nicht zu überwindende Grenzen. Für Fill sind Automatisierung und Digitalisierung die wesentlichen Antreiber für die nächsten Jahre.

business: Führt Industrie 4.0 zum Abbau von Arbeitsplätzen?

Andreas Fill: Ich denke nicht, dass durch Industrie 4.0 generell Arbeitsplätze vernichtet werden. Ganz im Gegenteil. Ich bin der Überzeugung, dass es einfach zu einer Verschiebung der Aufgaben kommt.  Wichtig ist, dass der Mensch im Mittelpunkt bleibt und ihn die modernen Technologien bei seiner Arbeit unterstützen. Dazu bedarf es aber einer transparenten und sinnstiftenden Kommunikation und Vernetzung innerhalb des Unternehmens.

business: Wird sich auch das Geschäftsmodell der Industrie verändern? Begriffe wie „Losgröße 1“, also die totale Individualisierung durch 3D-Druck, sind ebenso in Diskussion wie Pay-per-use-Modelle.

Andreas Fill: Wie schon so oft in der Geschichte werden sich auch diesmal durch neue Technologien die Geschäftsmodelle verändern und gewisse Jobs daher beinahe zur Gänze verschwinden. Gleichzeitig entstehen aber auch neue Modelle und Jobs und somit völlig neue Chancen.

business: In vielen Branchen lösen Start-ups Detailprobleme oder machen sich mit disruptiven Ansätzen als Partner für die Industrie interessant. Kooperieren Sie mit Start-ups?

Andreas Fill: Wir haben in den letzten Jahren selbst zwei Unternehmen mitbegründet, die sich mit völlig anderen Themen als dem Maschinenbau beschäftigen. Ohne mittelfristige Unterstützung eines verlässlichen Partners hat es jedes Start-up schwer, auf die Beine zu kommen und dauerhaft Erfolg zu haben.

business: Sie betreiben neben einigen weiteren Beteiligungen auch ein Kommunikationsunternehmen. Wie passt das zu Ihrem Industrieunternehmen?

Andreas Fill: Wir haben uns erstmals vor 15 Jahren mit dem Thema Kommunikation beschäftigt und 2010 beschlossen, etwas Eigenes zu schaffen. Die CORE smartwork wurde 2012 gegründet und hat mittlerweile über 50 Kunden aus Österreich, Deutschland und sogar den USA. Unsere Kommunikationsplattform mit 19 coolen Tools leistet gerade in der zunehmenden Digitalisierung einen ganz wichtigen Beitrag für das Miteinander und den Unternehmenserfolg. Wir haben hier etwas Einzigartiges geschaffen, das intuitives Arbeiten – frei von E-Mails und Papier – ermöglicht. In der eigenen CI ist dies darüber hinaus absolut identitätsstiftend.

business: Was sind die Ziele des Projekts Fill 2020?

Andreas Fill: Ziele gibt es viele. Im Mittelpunkt stehen natürlich die Stärkung und der Ausbau unseres Standorts in Gurten und unserer Tochtergesellschaften im Ausland. Dazu zählen die laufende Anpassung an die sich ständig verändernden Bedingungen genauso wie die kontinuierliche Optimierung der Prozesse. Investitionen in neue Entwicklungen und die Digitalisierung spielen ebenfalls eine entscheidende Rolle. „Wir sind 1! We are one!“ Getreu unserer Vision streben wir auch 2020 die Technologieführerschaft in den relevanten Märkten an und setzen dabei auf die Stärke unseres großartigen Teams.

business: Apropos Team: Sie sagten, 750 Mitarbeiter seien die Obergrenze für einen Familienbetrieb. Sie beschäftigen in Gurten schon jetzt mehr als 700 Menschen – ist die Grenze bald erreicht? Was folgt dann – ein Börsengang oder Auslagerungen in Töchter?

Andreas Fill: Fill ist und bleibt ein 100-prozentiges Familienunternehmen und wächst aus eigener Kraft. Gemäß einem unserer wichtigsten strategischen Ziele gibt es derzeit keinerlei Pläne, an die Börse zu gehen. Natürlich kennt man nicht mehr jeden Mitarbeiter. Solange sich aber meine Frau und ich weiterhin aktiv am Unternehmensgeschehen beteiligen und die Türen der Geschäftsführung für alle Mitarbeiter immer offen stehen, gilt Fill für mich als Beispiel eines gelebten Familienunternehmens.

business: Sie haben auch Unternehmen in China und Mexiko: Wie groß ist der Mentalitätsunterschied zum Innviertel im Bereich Arbeit und Unternehmertum?

Andreas Fill: Eine schwierige Frage, insbesondere weil ich mit Pauschalierungen sehr vorsichtig bin. Man findet auch in China und Mexiko Unternehmen und Mitarbeiter, die sich gar nicht so sehr von uns unterscheiden. Wenn ich an unsere Mitarbeiter aus China und Mexiko denke, so integrieren sie sich genauso schnell ins Team und freuen sich über jedes neue Innviertler Vokabel, das ihnen die Kollegen beibringen.

business: Während andere nicht mit Kritik am Standort sparen, singen Sie ein Loblied aufs Innviertel. Was macht für Sie einen guten Standort aus?

Andreas Fill: Das Innviertel steht für Bodenständigkeit, Lebensqualität und Innovationskraft. Diese drei Faktoren sind von enormer Bedeutung für den Erfolg einer Region. Arbeiten, wo andere Urlaub machen, dazu genügend Angebote für die Familien, ein sicheres Umfeld und professionelle Zusammenarbeit auf allen Ebenen. Wir sind im Innviertel auf dem richtigen Weg zur Vorzeigeregion. Jammern oder auf die Hilfe von anderen zu warten, bringt uns nicht weiter. Manchmal muss man eben selbst die Steine aus dem Weg räumen.

business: Dabei sah es noch vor 25 Jahren nach der Bruchlandung wichtiger Leitbetriebe düster aus. Wie hat man aus Ihrer Sicht die Lage so beeindruckend gedreht?

Andreas Fill: Man hat vermutlich erkannt, dass in dieser Region mehr steckt als ein paar wenige Leitbetriebe und das stark landwirtschaftlich geprägte Umfeld. Aber besser, Sie fragen hier jene, die sich zu dieser Zeit für die Region besonders starkgemacht haben. Mein Vater wäre da sicherlich eine gute Adresse.

business: Im Vorjahr haben Sie sich auch für eine Reform der touristischen Vermarktungsstruktur starkgemacht. Warum dieses Interesse am Fremdenverkehr? Planen Sie einen Einstieg in dieses Geschäft?

Andreas Fill: Hier muss ich korrigieren. Als Sprecher unserer Initiative „Hot Spot! Innviertel“, die sich für die Vermarktung unserer Region als Top-Arbeitgeber- und Lebensregion einsetzt, habe ich die Empfehlung für eine gemeinsame touristische Marke „Innviertel“ ausgesprochen. Nur durch Bündelung der Kräfte kann man etwas bewegen. 17 kleinere und größere Verbände sind hier des Guten zu viel. Es gibt mir auch jeder recht: „Wir müssen hier Verbände zusammenlegen – aber nicht den unseren.“ Da ich mich mit Markenbildung besser auskenne als mit dem Tourismus, plane ich in diesem Bereich keine weiteren Aktivitäten. Wenngleich – Fill ist als Unternehmen übers Jahr verteilt sicherlich für weit über 1.000 Nächtigungen verantwortlich und hat damit auch einen wichtigen Anteil am Tourismus. Und die gute Zusammenarbeit ist mir ohnehin ein wichtiges Anliegen.

business: Sie haben acht Semester an der TU Wien studiert, beschäftigen sich aber sehr viel mit Management-Methoden und HR-Themen. Eine Notwendigkeit oder einfach aus Interesse?

Andreas Fill: Mir fehlte vermutlich schon von Kindheit an das feinmotorische Geschick und das technische Verständnis im Detail. Da ist meine Frau Bettina wesentlich talentierter als ich. Zeichnen konnte ich immer besser als „basteln“ und meine Kreativität setze ich daher einfach besser im Management und im Kommunikationsbereich ein.

business: Wie finanzieren Sie Expansion?

Andreas Fill: Wir wachsen aus eigener Kraft. Das ist ein sehr konservativer Ansatz, der aber auch im Nachhinein gesehen nie falsch war.  Innovation heben wir uns lieber für die Entwicklung neuer Produkte und Lösungen auf.

business: Seit wann arbeiten Sie mit der Raiffeisen OÖ zusammen? Ist eine im Verhältnis regionale Bank ein besserer Partner für ein weltweit tätiges Unternehmen wie das Ihre?

Andreas Fill: Seit ich mich erinnern kann, arbeiten wir mit der Raiffeisen OÖ zusammen. Zuerst mit der Niederlassung in Gurten, später dann sehr stark mit unserem Partner aus Ried. Bei Bedarf holt man sich noch Kompetenzen bei der Raiffeisenlandesbank OÖ in Linz hinzu. Neben dem normalen Geldverkehr und Veranlagungen ist das Thema der Bankgarantien für Anzahlungen bzw. Haftungen natürlich unser Alltag. Regionalität und die direkte Absprache mit den Entscheidern spielen für uns eine wichtige Rolle. Wir treffen täglich kurzfristige Entscheidungen. Genau das erwarten wir uns auch von unseren Partnern.

DAS UNTERNEHMEN

Die 1966 gegründete Fill Gesellschaft m.b.H. ist ein international führender Maschinen- und Anlagenbauer für verschiedenste Industriebereiche, in einigen Sparten ist man Weltmarkt- und Innovationsführer. Neben dem Hauptsitz in Gurten nahe Ried im Innkreis gibt es eigene Niederlassungen in Mexiko und ­China sowie Vertriebspartner auf der ganzen Welt. Die Exportquote liegt bei 90 Prozent. Mit ca. 715 Mitarbeitern wurde 2016 eine Betriebsleistung von 145 Millionen Euro erzielt.

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