Gerhard Wölfel im Interview

BMW Group

In Oberösterreich errichtete die BMW Group 1979 ihr Diesel-Kompetenzzentrum. Seitdem wurde es um mehr als sechs Milliarden Euro ausgebaut. Es ist heute das größte Motorenwerk der BMW-Gruppe – und mit rund 1,2 Millionen produzierten Motoren und über 13 Millionen hochwertigen Fahrzeugkomponenten einer der wichtigsten Industriebetriebe in Österreich. Im Juni 2009 übernahm der Kunststofftechnik-Diplomingenieur Gerhard Wölfel die Leitung des Unternehmens.

Zur Person


Gerhard Wölfel wurde 1958 in ­Straubing geboren. Nach dem Studium der Kunststofftechnik an der FH Würzburg startete er 1982 seine Karriere bei BMW in der Qualitätssicherung. Nach mehreren Führungsaufgaben in Deutschland und England übernahm er im Juni 2009 die Geschäftsführung der BMW ­Motoren GmbH in Steyr.

Das Interview

 

business: Das BMW Group Werk Steyr vermeldet für 2015 Rekordzahlen. Wie schafft man das in Zeiten weltweit eher verhaltener Konjunktur?

Gerhard Wölfel: 2015 war ein erfolgreiches Jahr für die BMW Group insgesamt. Mehr als 2,2 Millionen Kunden haben sich für einen BMW, MINI oder Rolls-Royce entschieden. So viele wie nie zuvor in einem Jahr. Wir haben einfach ein Produktportfolio, das überzeugt. Das Konzernergebnis vor Steuern ist um 5,9 Prozent auf einen neuen Höchstwert von über 9,2 Milliarden Euro gewachsen. Mit fast 1,2 Millionen Motoren und über 13 Millionen Komponenten in Premiumqualität hat unser Werk in Steyr zu diesem Erfolg beigetragen. Das schlägt sich auch in Zahlen nieder: Mit einem Jahresumsatz von rund 3,8 Milliarden Euro haben wir 2015 einen neuen Umsatzrekord erzielt. Jeder zweite BMW und jeder dritte Mini weltweit hat mittlerweile ein Herz aus Steyr! Hier, im weltweit größten Motorenwerk der BMW Group, arbeiten 4.400 Menschen täglich daran, dass unsere Motoren noch ein Stückchen besser werden. Das ist auch wichtig so: Wir brauchen in Zukunft noch leistungsstärkere, effizientere und emissionsärmere Motoren, um die ehrgeizigen Klimaziele zu erreichen und auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu bleiben.
 

business: Als global tätiger Konzern kann sich die BMW Group aussuchen, wo Motorenwerke gebaut werden. Was spricht so sehr für das Werk in Steyr, dass man hier über die vergangenen fast vierzig Jahre mehr als sechs Milliarden Euro in den Standort investiert hat?

Gerhard Wölfel: In Steyr findet sich das geballte Diesel Know-how der BMW Group, das wir uns seit 37 Jahren hier aufgebaut haben. Dieses Know-how ist weltweit gefragt, und unsere Mitarbeiter sind an all unseren Standorten im Einsatz. Bis auf ganz wenige Ausnahmen kommen alle Dieselmotoren von BMW aus Steyr! Daneben bauen wir auch 3-, 4- und 6-Zylinder-Benzinmotoren. Der Benziner-Anteil an unserer Gesamtproduktion belief sich 2015 auf 28 Prozent. Die Weiterentwicklung der Antriebstechnologie – gerade vor dem Hintergrund der Diesel-Diskussion und vor jenem der Elektrifizierung – wird in Zukunft entscheidend für den Erfolg unseres Unternehmens sein.

Deswegen wird auch in Zukunft hier am Standort kräftig investiert. Bis 2018 wird um 100 Millionen Euro unser Dieselmotoren-Entwicklungszentrum ausgebaut und 30 neue Prüfstände errichtet. Daneben investieren wir auch in das Wohlbefinden und die Gesundheit unserer Mitarbeiter und bauen um 15 Millionen Euro ein neues Betriebsrestaurant und ein neues, betriebseigenes Fitnesscenter. Das sind nur zwei von vielen, vielen neuen Projekten. Die BMW Group investiert umgerechnet täglich 460.000 Euro hier am Standort. Das heißt, wir bauen bildlich gesprochen Tag für Tag ein schönes Einfamilienhaus hier in Steyr – und das seit 37 Jahren!
 

business: Würde sich die BMW Group bzw. würde man sich auch heute noch für Steyr entscheiden?

Gerhard Wölfel: Das ist mehr als fraglich. Die Rahmenbedingungen haben sich seit 1979 stark verändert. Es gibt dringenden Reformbedarf in vielen Bereichen, damit Oberösterreich auch in Zukunft als Wirtschaftsstandort wettbewerbsfähig bleibt. Dazu gehören die Flexibilisierung der Arbeitszeiten, eine Entregulierung und Entbürokratisierung sowie Maßnahmen, um dem Brain-Drain – der Abwanderung von Fachkräften – entgegenzuwirken. Es muss auch in Zukunft möglich sein, hier gute Leute auszubilden und auch halten zu können!
 

business: Wie kann sich ein Standort in Europa gegen Konkurrenz mit niedrigeren Lohnkosten und weniger Regulierung behaupten?

Gerhard Wölfel: Der Global Shift ist mittlerweile Realität. Und die Produktion folgt dem Markt. Im Jahr 2021 werden in China fünfmal so viele Autos gebaut werden wie in Deutschland. Die BMW Group ist dieses Thema schon sehr früh proaktiv angegangen. Schon seit 2004 sind wir mit unserem Werk in Shenyang im Nordosten von China vor Ort und erhöhen hier laufend unsere Kapazitäten. Standortentscheidungen werden bei uns langfristig geplant, ausschlaggebend ist auch stark das fachliche Know-how. Dennoch sehen wir uns in Europa – ich kann vor allem für den Standort hier in Steyr sprechen – mit veränderten Rahmenbedingungen konfrontiert, für die das Dreigestirn Politik/Sozialpartner/Unternehmen rasch Lösungen finden muss. Es ist nicht fünf vor zwölf, sondern die Uhr schlägt schon!

 

business: Es werden Forderungen erhoben, dem Verbrennungsmotor zeitnah den Garaus zu machen. Ein realistisches Ziel?

Gerhard Wölfel: Kann es ein realistisches Ziel der Politik sein, Tausende Arbeitsplätze zu gefährden? Ich denke nicht! Zum einen wurde der Verbrennungsmotor – allen voran der Dieselmotor – schon oft totgesagt. Zum anderen sind die ehrgeizigen Klimaziele der EU ohne Diesel überhaupt nicht erreichbar. Hier ist die Politik gefragt: Sie kann den Markt auf allen Ebenen vorantreiben oder bremsen. Es muss gelingen, ein attraktives Anreizsystem für Elektrifizierung und auf der anderen Seite eines für die Erneuerung des Dieselbestands zu schaffen.


business: Moderne Motoren sind sehr effizient und im Verhältnis emissionsarm. Sind die Möglichkeiten ausgeschöpft?

Gerhard Wölfel: Es sind durchaus noch große Schritte möglich, und wir haben auch für die Zukunft noch einiges im Köcher! Die BMW Group hat immer das technisch Machbare versucht, um ihre Motoren noch effizienter und dabei zugleich emissionsärmer zu machen. Die Frage ist, was auch betrieblich machbar ist. Wir haben bereits in der Vergangenheit Milliarden in unsere sparsame Antriebstechnologie ­Efficient Dynamics investiert – mit sichtbarem Erfolg bei realen Verbrauchswerten, und wir werden dies auch in Zukunft tun. Unser Anspruch ist, auch in Zukunft überall die gesetzlichen Herausforderungen zu ­erfüllen. Hier wird Steyr mit dem weltweit einzigen Dieselmotoren-­Entwicklungszentrum der BMW Group eine zentrale Rolle spielen.

 

business: Tatsächlich hält der Dieselboom in Österreich unvermindert an. Ist die Liebe der Mitteleuropäer zum Diesel für Sie erklärbar?

Gerhard Wölfel: Europa ist – anders als die USA – ein Dieselmarkt. Das ist zum einen bestimmt historisch gewachsen durch den Preisvorteil dieses Kraftstoffs, aber auch durch die Sparsamkeit der Dieselmotoren. Das war nicht immer so: Vor knapp 40 Jahren galt ein Auto mit Dieselmotor noch nicht als serienfähig. Bis Anfang der 1980er-Jahre galt bei BMW noch: „Nur ein Benziner bringt Freude am Fahren.“ Dann brachte ein Motor aus Steyr die Trendwende. BMW war schon damals Vorreiter und überraschte mit der Vorstellung eines ­Dieselmodells, dem BMW 524td. Es war zwar nicht das erste Auto mit Dieselantrieb, hob sich jedoch durch Sparsamkeit und Temperament ab. Das läutete die Trendwende zum Diesel ein.

 

business: Läuft die Kooperation mit Toyota noch?

Gerhard Wölfel: Das ist eine gute und zuverlässige Partnerschaft. Wir lernen viel voneinander. Der Vertrag läuft noch bis 2018.

 

business: Ein großes Thema ist das Internet der Dinge und damit Industrie 4.0. Ist Ihr Werk darauf vorbereitet?

Gerhard Wölfel: Industrie 4.0 ist bei BMW ein strategisches Zukunftsprojekt, mit dem die Informatisierung der Produktionsprozesse vorangetrieben und unsere Effizienz gestärkt wird. Dabei reicht es nicht, Software und vernetzte Maschinen zu kaufen. Man muss auch bei den Prozessen und beim Zusammenarbeiten – abteilungs-, werks- und wertschöpfungskettenübergreifend – neue Wege beschreiten. Auch die Vernetzung mit Kunden und Lieferanten spielt eine immer wichtigere Rolle – hier werden die Systemgrenzen verschwinden und neue Geschäftsmodelle zur Zusammenarbeit entstehen.

 

business: Ist es einfach, Spitzenkräfte nach Steyr zu holen?

Gerhard Wölfel: Als einer der attraktivsten Arbeitgeber in Österreich sind wir noch nicht so stark davon betroffen, aber in anderen Industriebereichen ist durchaus schon spürbar, dass die Fachkräfte ausgehen. Die Politik ist in Zukunft mehr denn je gefordert, Rahmenbedingungen zu schaffen, um nicht nur neue Fachkräfte vor Ort auszubilden, sondern auch qualifizierte Mitarbeiter zu halten und dem Brain-Drain entgegenzuwirken. Dazu gehört auch, dass die Lehre wieder den Stellenwert bekommt, den sie verdient. Wir tun bei BMW das Unsere dazu und bieten unseren Führungskräften von morgen eine exzellente Ausbildung in einem internationalen Umfeld. Entgegen allen Unkenrufen haben wir im Betrieb ausgezeichnete Lehrlinge. 70 Prozent unserer Lehrlinge haben heuer die Lehre mit gutem oder ausgezeichnetem Erfolg abgeschlossen. Besonders freut uns, dass die Anzahl weiblicher Lehrlinge schon bei 20 Prozent liegt. Übrigens möchte ich an dieser Stelle auch noch eine Lanze für die jungen Menschen brechen: Sie sind leistungsfähig und leistungswillig, sie haben nur eine andere Grundmotivation als ihre Elterngeneration!

 

business: Was verbindet Sie mit der Raiffeisenlandesbank OÖ?

Gerhard Wölfel: Die Raiffeisen Landesbank OÖ ist ein wichtiger Partner, mit dem wir sehr eng und zuverlässig zusammenarbeiten.

 

business: Sie gelten als begeisterter „Österreicher“. Was macht das Leben hierzulande so angenehm?

Gerhard Wölfel: Österreich ist ein wunderschönes Land mit tollen Menschen. Ich genieße es täglich mehr, hier zu sein. Mittlerweile bin ich auch privat hier verwurzelt. Das Land hat viele schöne Seiten, besonders die einzigartige Natur im Salzkammergut hat es mir angetan.

Das Unternehmen

 

Die BMW Group mit Sitz in München zählt zu den größten Autoherstellern der Welt. Zum Konzern ­gehören die Marken BMW und BMW Motorräder, Mini und Rolls-Royce. 2015 erwirtschafteten 122.000 Beschäftigte 92,2 Mrd. Euro Umsatz. Das Motorenwerk in Steyr wurde 1979 gebaut und ist heute das weltweit größte der Gruppe. 2015 wurden fast 1,2 Mio. Motoren in Steyr erzeugt, der Umsatz lag bei 3,8 Mrd. Euro.

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