Gerald Hackl im Interview

CEO der Vivatis Holding AG

Das Unternehmen

Die VIVATIS Holding AG mit Sitz in Linz wurde 1999 gegründet und ist Österreichs drittgrößter Nahrungs- und Genussmittelhersteller. Zur Gruppe gehören Lebensmittel- und Gastronomiemarken wie Weinbergmaier, Maresi, Loidl, Landhof, Karnerta, Senna und Gourmet – Österreichs Marktführer für Menü-, Catering- und Gastronomieservices – sowie spezialisierte Produktions- und Dienstleistungs­betriebe für das B2B-Geschäft wie Daily-Tiefkühl­logistik oder die Tierkörperverwertungen in Ober­österreich, im Burgenland und in der Steiermark. Das Unternehmen im Eigentum einer Stiftung der Raiffeisenlandesbank OÖ erzielte zuletzt 868 Milli­onen Euro Umsatz und ist auch in Italien, Deutschland und Zentral­europa erfolgreich.

Vivatis Holding AG - CEO Gerald Hackl im Interview

„Es braucht radikale Innovationen“

Die Vivatis-Holding zählt zu den größten Lebensmittelproduzenten Österreichs – und ist eines der innovativsten Unternehmen im ganzen Land. Dabei, so CEO Gerald Hackl, stehen die größten Umbrüche erst bevor.

Wer bei Innovationskraft und Disruption nur an Hightech-Schmieden und Start-ups denkt, übersieht Wesentliches. Zum Beispiel die oberösterreichische Vivatis AG, zurzeit wohl eines der spannendsten Unternehmen des Landes. Die Vivatis ist mit mehr als 2.600 Mitarbeitern und knapp 870 Millionen Euro Umsatz eine Großmacht im Nahrungs- und Genussmittelsektor. Tatsächlich wecken die Vivatis-Marken wie Maresi, Himmeltau, ­Inzersdorfer, Knabber Nossi, Landhof, Shan’shi und andere mehr zwar Appetit, aber nicht unbedingt auf digitale Geschäftsmodelle. Auch die zur Gruppe gehörenden Gastro-Klassiker Café Schwarzenberg und Wiener Rathauskeller sind kaum in IT-Abhandlungen zu finden, ebensowenig wie die Vivatis-Lebensmittelmarken im B2B-Segment.

Dass im Linzer Vivatis-Headquarter trotzdem immer Start-up-Entrepreneure gesichtet werden und in allen Vivatis-Betrieben Innovationsabteilungen eingerichtet wurden, liegt an Gerald Hackl, dem CEO der Holding.  Der 46-Jährige hat schon bei der Gurkerl- und Sauergemüse-Legende efko gezeigt, wie man guten Geschmack in rapides Wachstum verwandelt – und den Umsatz in seiner Zeit als Geschäftsführer mehr als verdoppelt. Vor vier Jahren wechselte er als CEO zur Vivatis AG. Im Interview spricht er über Trends im Lebensmittelgeschäft, den Mut zu ­Innovationen und den geplanten Ausbau der Exportgeschäfte. 

Zur Person

 

Der 46-jährige Gerald Hackl blickt auf mehr als 20 Jahre Erfahrung im Lebensmittelbereich zurück. Nach dem BWL-Studium startete er in der Backwaren- und Molkereibranche.

2005 übernahm er die Geschäftsführung der efko Gruppe, die unter seiner Führung kräftig wuchs. 2013 startete der verheiratete Familienvater als CEO bei der Vivatis Holding AG.

business: Sind Sie mit dem Geschäftsjahr 2016 zufrieden?

Gerald Hackl: 2016 war für die Vivatis Gruppe ein anspruchsvolles Jahr, wir waren mit vielen schwierigen Umfeld- und Rahmenbedingungen konfrontiert. Es ist aber viel geschehen, zahlreiche Projekte und Maßnahmen wurden sehr gut umgesetzt. Wir haben unsere Umsatz- und Ergebnisziele erreicht.

business: Was sind aktuelle Trends im Lebensmittelbereich?

Gerald Hackl: Wir erleben einen ständigen Wandel, es gibt Änderungen im Ess- und Konsumverhalten und ein höheres Bewusstsein der Konsumenten bei Lebensmitteln – was erfreulich ist. Das macht die Nahrungsmittelproduktion zwar nicht immer einfach. Wir sehen das aber positiv und nutzen die Chance, Trends aktiv mitzugestalten und die Wünsche der Konsumenten zu bedienen. Das reicht vom „die OHNE“-Sortiment mit fleischlosen Produkten für Flexitarier über Fleischinnovationen wie Pulled Pork oder Dry Aged Beef, die verschiedenen Salami-Spezialitäten von Loidl, gluten­freie Spezialitäten wie Topfenpalatschinken und Kaiserschmarrn von Weinbergmaier bis hin zu Convenience-Produkten wie „Meine beste Basis“ von Inzersdorfer.

business: Wie schwierig ist es, gegen die Marken multinationaler Konzerne mit heimischen Marken zu bestehen?

Gerald Hackl: Nur starke Marken, die für Topqualität und -leistung stehen, verdienen Geld. Wir haben Topbetriebe mit Topmarken und Topmitarbeitern. Ich würde sogar noch weiter gehen und behaupten, dass wir aus österreichischen Rohstoffen Österreichs beliebteste Lebensmittelmarken machen. Aber natürlich ist es schwierig, gegen die Marken multinationaler Konzerne anzutreten. Diese können Kosten und Gewinne auch international verteilen. Das können rein österreichische Produktionsunternehmen schwer.

business: Die Vivatis ist auch in Nachbarländern aktiv. Ist eine weitere Ausweitung des Exportgebietes angedacht?

Gerald Hackl: Dem Thema Export, der bei uns 20 Prozent zum Umsatz beiträgt, widmen wir uns intensiv. Wir werden die Internationalisierung der Unternehmensgruppe mit dem Fokus Zentraleuropa weiterentwickeln und vorantreiben.

business: Sind Sie von den gegenseitigen Handelssanktionen zwischen EU und Russland betroffen?

Gerald Hackl: Zum Glück trifft uns die derzeitige Situation mit den eingeschränkten Möglichkeiten des Exportes nach Russland nicht sehr stark, weil wir auf Zentral- und Osteuropa fokussiert sind. Natürlich würden wir es begrüßen, wenn dieser Markt wieder offen wäre. Das würde einerseits auch uns mehr Chancen bieten und andererseits insgesamt den Marktdruck verringern.

business: Kann man bei der hohen Konzentration im heimischen Lebensmitteleinzelhandel überhaupt noch vernünftige Preise durchsetzen?

Gerald Hackl: Wir machen derzeit rund ein Viertel des Umsatzes mit dem Lebensmitteleinzelhandel. Der verbleibende Teil geht in Form von Weiterverarbeitung in den Business-to-Business-Bereich, in öffent­liche Institutionen wie z. B. Schulen und Betriebe, in Dienstleistungen oder in den Export. Durch diese stark diversifizierte Struktur sind wir von den Entwicklungen im Lebensmitteleinzelhandel nicht so betroffen, obwohl wir die extrem hohe Konzentration schon spüren. Und die gängige Praxis, dauernd Rabatte zwischen zehn und 25 Prozent zu geben, ist meiner Meinung nach der falsche Weg – insgesamt und speziell für den Lebensmitteleinzelhandel. Das macht die Preise und insbesondere den Wert der Lebensmittel zunichte. Denn beim Verbraucher entsteht der Eindruck, ohne Aktion zahle er zu viel und der Handel oder die Verarbeiter würden enorm viel Gewinn machen, um sich diese Rabatte überhaupt erst leisten zu können. Da zählt dann auf einmal nur mehr der Preis, weil die Konsumenten sagen: „Warum soll ich mehr zahlen?“ Und das, obwohl wir in Österreich im Durchschnitt nur zehn Prozent unseres Einkommens für Lebensmittel ausgeben müssen. Beim Urlaub oder beim Auto sind zehn Euro kein Thema, beim Essen aber versuchen die Leute, zehn Cent zu sparen – zum Beispiel bei der Milch. Rechnen Sie das hoch: Würden Sie jede Woche einen Liter Milch trinken und sich dabei zehn Cent sparen, sind das im ganzen Jahr insgesamt gerade einmal fünf Euro. Dafür setzen wir die Existenz unserer eigenen Land- und Verarbeitungswirtschaft aufs Spiel? Das verstehe ich nicht.

business: Es gab in den vergangenen Jahren zwei anscheinend gegenläufige Entwicklungen: Einerseits setzen die Supermärkte auf „Bio“, zum anderen nimmt auch der Umsatz mit Convenience-Produkten zu. Ist dies ein Gegensatz? Wie reagiert Vivatis darauf?

Gerald Hackl: Das ist kein Widerspruch. Wie zuvor erwähnt, ist das Bewusstsein der Konsumenten im Hinblick auf Lebensmittel gestiegen. Sie wollen die bestmögliche Qualität. Sie kaufen auch vermehrt „Bio“-Produkte. Gleichzeitig gibt es heute viel mehr Ein- und Zwei-Personen-Haushalte, die keine riesigen Mengen an frischen Produkten kaufen können. Die Leute möchten aber selbst kochen und dabei wenig Aufwand betreiben. Daher braucht es im Convenience-Bereich ständig Neuerungen. Ich glaube, dass eine Art Komponentensystem in höchster Qualität kommen wird, bei dem man sich die einzelnen Komponenten daheim nach eigenem Geschmack zu einem wertvollen Gericht zusammenstellt. Unsere Marken Shan’shi oder Meine beste Basis von Inzersdorfer gehen schon in diese Richtung. Da hat der Konsument dann das gute Gefühl, sich gutes Essen selbst gekocht zu haben und genau in der Menge, die er braucht.

business: Neue Diät- und Esstrends boomen, Functional Food kam zuletzt in Mode. Plant Vivatis, in diesen Bereichen einzusteigen?

Gerald Hackl: Wir steigen nicht nur ein, wir sehen uns in diesem Bereich durchaus als Trendsetter: Unser größtes Unternehmen, GMS Gourmet – Spezialist für Menü-, Catering- und Gastronomieservices –, ist Vorreiter im Bereich gesunder und innovativer Ernährungskonzepte und Gerichte und versorgt vom Kindergarten über Schulen, Betriebskantinen bis hin zu Seniorenheimen knapp 300.000 Konsumenten täglich. Diese vielfältigen Ernährungsbedürfnisse müssen wir weiterentwickeln. Das gelingt uns mit einer eigens installierten Innovationsabteilung, die aus Ernährungsphysiologen, Entwicklungsköchen und externen Experten, die als Berater hinzugezogen werden, besteht. Sie beobachtet Trends genau und nimmt sie in die Innovationsarbeit auf. Bereits 2014 haben wir ein „Functional Eating ®“-Ernährungskonzept gestartet, das wir in über 2.000 Unternehmen in drei Formen ausgerollt haben. Dieses Konzept geht weit über das Thema Ernährung hinaus, wir begleiten damit neue Lebensformen in veränderten Rahmenbedingungen. Und 2016 ist es uns in enger Kooperation mit unserem Partner WWF Österreich gelungen, klimafreundliche Speisen zu entwickeln und unseren Gästen in Form von schmackhaften Gerichten anzubieten. Hier sind wir den Empfehlungen des WWF gefolgt und haben verstärkt die Themen Regionalität, Bio und Nachhaltigkeit in Produkten umgesetzt. Das gelingt uns aber nur, weil wir uns schon Jahre davor mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigt und kräftig investiert haben.

business: Welche Innovationen sind in Ihrem Unternehmen geplant?

Gerald Hackl: Innovationen haben innerhalb der Vivatis-Gruppe einen besonders hohen Stellenwert. Wir wollen ganz bewusst Schrittmacher in einem Marktsegment, einem Verfahren oder Prozess sein. Ich glaube aber, dass es radikale Innovationen braucht – sei es beim Produkt, bei der Verpackung oder bei Dienstleistungen und Geschäftsmodellen. Wenn ich beispielsweise das Thema der Digitalisierung beobachte, sehe ich große Chancen im Bereich von Geschäftsmodellinnovationen. In welche Geschäftsfelder investieren wir und in welchen ziehen wir uns bewusst zurück, um Raum für Neues zu schaffen? Diesen Fragen müssen wir uns stellen. Und wir brauchen Dynamik und Differenzierung. Deshalb haben wir vor Jahren auf Konzernebene Innovationsmanagement eingeführt. Der eingeschlagene Weg war richtig, es ist uns gelungen, in jeder Konzerngesellschaft eine Innovationsabteilung zu etablieren. Wir arbeiten an spannenden  Zukunftsthemen und binden neben unseren Mitarbeitern wichtige Meinungsbildner und Partner ein. Innovation wird bei fertigen und bei halbfertigen Produkten stattfinden.

business: Junge und technikaffine Start-ups verändern mit neuen Geschäftsmodellen auf Basis digitalisierter Kommunikationsmittel ganze Industrien. Ist auch der Lebensmittelbereich von solchen Entwicklungen betroffen? Arbeiten Sie mit Start-ups?

Gerald Hackl: Wir beobachten die Start-up-Szene in Österreich und Europa sehr genau und sind mit den wichtigsten Plattformen der Szene eng vernetzt. Ich lade immer wieder Start-up-Entrepreneure zu persönlichen Gesprächen ein, um unterschiedliche Konzepte und Sichtweisen kennenzulernen. Vivatis ist für viele Gründer ein spannender Partner, weil sie die kurzen Entscheidungswege sehr schätzen. 2017 installieren wir ein Vivatis-Innovations-Board, bei dem auch ausgewählte Start-ups willkommen sind.

business: Spätestens mit der Klimakonferenz in Paris ist Nachhaltigkeit zu einem sehr wichtigen Thema geworden. Auch bei Vivatis?

Gerald Hackl: Natürlich ist das auch für uns ein Thema. Bei allen unseren Tochtergesellschaften ist Nachhaltigkeit ein zentraler Bestandteil der Unternehmenskultur. Das bedeutet unter anderem, Energie und Wasser sparsam einzusetzen, CO2 zu verringern oder zu vermeiden, verantwortungsvoll mit Rohstoffen und Lebensmitteln umzugehen, Abfall zu vermeiden und recycelbare Verpackungen zu verwenden sowie ökologische Faktoren beim Einkauf zu berücksichtigen.

business: Die Vivatis ist über eine Privatstiftung Teil des Beteiligungsvermögens der Raiffeisenlandesbank OÖ. Welche Vorteile bringt diese Eigentümerstruktur?

Gerald Hackl: Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir einen Eigentümer haben, der will, dass wir als österreichisches Unternehmen ­weiterbestehen und uns weiterentwickeln – Stichwort „gesundes und qualitatives Wachstum“. Wir müssen nicht um jeden Preis wachsen und können langfristig agieren.

business: Nutzen Sie die Services der Raiffeisenlandesbank OÖ auch auf Ihren Auslandsmärkten?

Gerald Hackl: Selbstverständlich nutzen wir die Services der Raiffeisenlandesbank OÖ, vom gesamten Auslandszahlungsverkehr bis hin zu Exportinitiativen.

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