Interview

Patrick Kramer, Gründer der Plattform „Digiwell – Upgrading Humans!“

Update Mensch

Wie die Digitalisierung den Menschen verändert, zeigt die immer engere Verbindung von Mensch und Maschine. Im Interview mit einem der weltweit einflussreichsten Vordenker im Bereich digitale und biologische Transformation, Dr. Patrick Kramer, erfahren wir, dass die nächste Stufe der Digitalisierung unter die Haut geht.

Haben Sie ein Smartphone? Wenn ja, dürfen wir Ihnen gratulieren: Die Digitalisierung hat offiziell Einzug in Ihre Hosentasche gehalten! Vielleicht haben Sie auch schon überlegt, sich einen Smart Speaker namens Alexa anzuschaffen, oder aber Sie verfügen bereits über einen Kühlschrank, der Ihnen mitteilt, was „Ihnen“ fehlt. Die Digitalisierung transformiert alles und macht nicht in unseren Hosentaschen oder Wohnzimmern halt. Die nächste Transformationsstufe wird den Zwischenschritt über ein Smartphone nicht mehr benötigen – denn sie geht unter die Haut. Wie das Öffnen von Türen oder das Bezahlen an der Kassa in Zukunft aussehen könnte, erzählt uns Dr. Patrick Kramer im Interview, denn er erledigt solche Alltagsaufgaben schon lange nur mehr mit einer lässigen Handbewegung.

Zur Person

Dr. Patrick Kramer zählt zu den weltweit einflussreichsten Vordenkern, wenn es um die nächste Stufe der Digitalisierung geht. Er ist Experte für digitale und biologische Transformation, Performance-Management und Zukunftsagent. Dr. Kramer verfügt über langjährige Erfahrung in führenden internationalen IT-/Beratungshäusern. Als Gründer und Geschäftsführer der Plattform „Digiwell – Upgrading Humans!“ beschäftigt er sich mit den entscheidenden Themen des digitalen Wandels und der menschlichen Transformation.

business: Den Begriff Cyborg kennt man vorrangig aus der Science-Fiction-Literatur und aus Hollywoodfilmen. Was genau macht Sie zum Cyborg?

Patrick Kramer: Ich bin ein Cyborg, weil ich mehrere Mikrochip-Implantate in meinem Körper habe. Man darf diesen Begriff aber jetzt nicht so wissenschaftlich ernst nehmen. Er ist hauptsächlich durch Hollywood geprägt. Sobald wir an Cyborgs denken, haben wir den Sechs-Millionen-Dollar-Mann, Robocop oder Darth Vader vor Augen. Viele moderne Cyborgs dieser Zeit sind jedoch Menschen, die beispielsweise einen Herzschrittmacher haben oder aus medizinischen Gründen Implantate tragen. Bei einer Rentnerin mit künstlichem Hüftgelenk würde man vermutlich nicht gleich an Robocop denken. Wenn ich mich also als menschlicher Cyborg bezeichne, ist das mit ein bisschen Augenzwinkern zu verstehen. Aber die Entwicklung schreitet rasant voran. Man denke an Prothesen, die mit dem menschlichen Nervengerüst verbunden sind und über Gehirnschnittstellen kontrolliert werden können. Das gab es vor ein paar Jahren noch nicht. Wenn wir die Frage philosophisch betrachten, sind wir im weitesten Sinn alle Cyborgs, weil für uns ein Leben ohne Technologie nicht mehr möglich wäre. Und damit beziehe ich mich jetzt nur auf unsere Alltagstätigkeiten, wie die Benutzung eines Smartphones oder das Autofahren.

 

business: Wann werden smarte Implantate nicht nur für Experten wie Sie, sondern auch für die breite Gesellschaft normal sein?

Patrick Kramer: Weltweit befinden wir uns bei Menschen mit smarten Mikrochip-Implantaten bereits im sechsstelligen Bereich. Wenn ich mir anschaue, dass wir vor zwei, drei Jahren noch bei rund 20.000 waren, geht es rasch voran. Warum: Es gibt drei Dinge, die wir Menschen immer mit uns führen, sobald wir das Haus verlassen: Haustürschlüssel, Portemonnaie und Handy. Ohne diese drei Dinge geht keiner von uns mehr freiwillig vor die Tür. Ich schleppe diese Sachen also immer mit mir herum und mache mir ständig Gedanken, ob ich alles dabei habe und ob das Handy auch aufgeladen ist. Mit der ersten Generation von Mikrochip-Implantaten ist es jetzt möglich, das Thema Haustürschlüssel und was da noch alles dranhängt zu vernachlässigen. Ich führe ein schlüsselloses Leben, und es ist superangenehm. Ich will nie wieder zum klassischen Schlüssel zurück. Das macht für mich keinen Sinn mehr.

In der zweiten Generation der Implantate geht es darum, dass wir das Portemonnaie nicht mehr brauchen. Wenn wir mal einen Blick in unser Portemonnaie werfen und das Bargeld beiseitelassen, sehen wir nur Karten. Und diese Plastikkarten dienen in erster Linie der Identifikation, sei es als Mitarbeiter, als Mitglied im Fitnessstudio oder als Versicherter. Und manche Identifikationskarten haben eine Bezahlfunktion hinterlegt. Die zweite Generation zielt auf den Bereich der Identifizierung ab und darauf, dass ich keine Karten mehr mit mir herumschleppen muss. Wir wissen aus der Marktforschung, dass 80 Prozent der Menschen an einem Implantat in Reiskorngröße interessiert wären, wenn es ihnen ermöglichen würde, auf Karten und Portemonnaie zu verzichten. Das ganze Plastikzeug ist ja auch ein Umweltfaktor. Die Möglichkeit ist hier dann quasi ein App-Store mit diversen Applikationen – aber nicht mehr für Ihr Handy, sondern für Ihr Implantat.

Die erste Generation der Implantate löst also den Haustürschlüssel ab, die zweite Generation das Portemonnaie, und die dritte Generation beschäftigt sich mit der Kommunikation. Heute halte ich mein iPhone X in der Hand. Ich gehe mal davon aus, dass wir das iPhone 20 nicht mehr in der Hand halten müssen, um zu kommunizieren. Das heißt, die Implantate werden sich weiterentwickeln, kleiner werden, leistungsstärker, und in einigen Jahren haben wir die ersten Gehirnimplantate, die eine Kommunikation von Gehirn zu Gehirn ermöglichen. Vielleicht nicht in den nächsten zehn Jahren, aber ich bin überzeugt, dass meine Kinder noch erleben werden, wie man von Gehirn zu Gehirn kommuniziert.

 

business: Wie viele Menschen kamen schon zu Ihnen, und was war der am häufigsten gewünschte Nutzen?

Patrick Kramer: Ich schätze, dass ich bei rund 2.500 Menschen ein Implantat gesetzt habe. Zu Beginn kamen viele Elektrotechnik-Studenten – wir würden allgemein von Nerds sprechen –, um Anwendungsmöglichkeiten auf Bits und Bytes genau zu analysieren und auszuloten. Zu mir kamen aber auch schon ganze Familien, die sich für entsprechende Funktionalitäten für ihr Smart Home ausstatten ließen. Wir sind hier wirklich in der Mitte der Gesellschaft angekommen – mehr Mainstream als Vater, Mutter, Kind geht nicht. Aktuell kommen auch viele Selbstständige, die sich ihre Visitenkarten und Homepage-Links implantieren lassen. Das hat viel mit Selbstvermarktung zu tun. Beim Visitenkartentausch kann man sich beim Gegenüber als glaubhaft innovativ positionieren, wenn man statt der Übergabe einer Papierkarte nun seine Hand reicht. Am häufigsten sind aktuell tatsächlich Smart-Home-Applikationen und Visitenkarten gewünscht.

 

business: Kann mein digitales Ich gehackt oder getrackt werden?

Patrick Kramer: Die Frage können Sie sich eigentlich selbst beantworten, denn um zu wissen, wo ich bin, müsste ich ein Signal an einen GPS-Satelliten irgendwo im Weltall schicken. Wenn ich das mit meinem Handy mache – weil ich beispielsweise die Navigationsfunktion nutze –, ist mein Akku nach zwei Stunden alle. Ich habe in einem Implantat aber keine Batterie. Das heißt also nein. Bei den Implantaten haben Sie eine Antenne, die so minimal ist, dass Sie beim Sicherheitscheck am Flughafen nicht piepsen. Gehen Sie mal mit Ihrem Portemonnaie durch die Sicherheitsschleuse.

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