Afrika

Mangel treibt Innovation

Mangel treibt Innovation

Afrika schien über Jahrzehnte ein verlorener Kontinent zu sein. Und steht deshalb kaum auf dem Radar von Exporteuren und Investoren. Ein schwerer Fehler: Die Start-up-Szene blüht auch auf dem Schwarzen Kontinent. Speziell im Fintech-Bereich helfen afrikanische Innovationen, Alltagsprobleme zu lösen.

Geldtransaktionen über Banken-Apps, Bezahlen im Netz über Apple Pay oder Google Pay. Was sich in den vergangenen Jahren auch in Deutschland und Österreich immer mehr durchsetzt, wirkt für Kenianer ziemlich altbacken. Dort hat die finanztechnische Revolution schon im Jahr 2007 begonnen – und sie trägt den Namen M-Pesa. In Afrika, wo kaum 20 Prozent der mehr als 1,2 Milliarden Einwohner ein Bankkonto besitzen, aber zwei Drittel der Bevölkerung über ein Mobiltelefon verfügen, hat M-Pesa den Missing Link geschaffen. Das System verwandelt das Handy in eine Geldbörse und ermöglicht einen bargeldlosen Zahlungsverkehr – auch ganz ohne Bankkonten. Geld senden funktioniert damit so einfach wie das Verschicken einer SMS.

Mittlerweile wurde M-Pesa – der Begriff setzt sich aus M für mobile und dem aus dem Swahili stammenden Wort „Pesa“ für Bargeld zusammen – auch in Tansania, Afghanistan, Südafrika, Indien, Rumänien und Albanien eingeführt. In seiner Heimat ist es ohnehin unschlagbar: Schon fast die Hälfte des kenianischen BIP wird über dieses System verarbeitet. Das sind knapp 30 Milliarden Euro.

In Afrika sprießen Innovationshubs aus dem Boden.

Rudolf Thaler, Afrika-Experte WKO

„Afrika ist ein Wachstums- und Zukunftskontinent“, ist Rudolf Thaler von der Wirtschaftskammer Österreich überzeugt. Was den Afrikaexperten optimistisch stimmt, ist nicht allein die afrikanische Fintech-Szene, die inzwischen sogar weltweit führend ist. „Hier gibt es eine lebendige Start-up-Szene, Innovationhubs sprießen aus dem Boden“, so Thaler. „Der Mangel ist hier der entscheidende Treiber“, sagt der Wirtschaftsexperte. Und an Mängeln leidet der drittgrößte Kontinent der Erde nach wie vor stark. In Subsahara-Afrika leben über 40 Prozent der Menschen in Armut und haben weniger als 1,9 US-Dollar täglich zur Verfügung. Lücken in der Infrastruktur und der Energieversorgung erschweren die tägliche Grundversorgung und die wirtschaftliche Entwicklung. Die Demokratie ist in vielen Staaten noch immer ein wackliges Gebilde – oder überhaupt nicht vorhanden.

Gründermentalität im Vormarsch

Viele Innovationen entstehen daher, um diese alltäglichen Probleme zu lösen. „Die Afrikaner haben Ideen und eine echte Gründermentalität“, weiß Dominik Stute von der Industrie- und Handelskammer zu Dortmund (IHK). Diese veranstaltet beispielsweise das Deutsch-Afrikanische Wirtschaftsforum oder die „Start.up! Germany Tour“, wo immer mehr afrikanische Gründer ihren Pitch abliefern. Wie Gjenge Makers aus Kenia, die das Problem des Plastikmülls bekämpfen wollen. Ihre Lösung: Über eine mobile Anwendung verbindet sich das Unternehmen mit privaten Haushalten und kauft ihnen den Müll ab. Dieser wird recycelt und zum Beispiel für den Bau von Häusern aus Plastik eingesetzt. Oder AgroCenta aus Ghana. Diese Gründer wollen den fairen Handel für Kleinbauern südlich der Sahara erleichtern, indem sie diese über eine digitale Plattform direkt an größere Märkte anschließen. „So können sie die Preise ohne ausbeuterische Zwischenhändler aushandeln“, erklärt Stute. Schon mehr als 10.000 Bauern in Ghana nutzen diese Plattform. „Der Wandel in Afrika ist bereits im Gange, das Wirtschaftswachstum ist überdurchschnittlich groß“, bestätigt Stute die Aussagen Thalers. Einer Meinung sind die beiden auch, wenn es um die künftige Geschwindigkeit beim Thema Innovation geht. „Die Digitalisierung hilft der afrikanischen Wirtschaft, sofort mit dem nächsten Schritt anzufangen“, so Stute. Thaler spricht hier von Technologiesprüngen, dem sogenannten Leapfrogging. Ein Beispiel dafür: „Da es keine Stromleitungen gibt, überspringen die Afrikaner die klassische Verteilung von Elektrizität und investieren gleich in Solarsysteme.“

Spezialfall Kenia

Als Vorreiter des Wandels gilt vielen Experten das ostafrikanische Kenia. „Auch die hiesige Regierung unterstützt die Digitalisierungsoffensive“, so Marah Köberle. Die Delegierte der Deutschen Wirtschaft ist vor Ort in Kenia, um deutsche und europäische Unternehmen beim Markteinstieg zu unterstützen. Sie beobachtet schon länger die zunehmende Zahl junger Unternehmen. „Kenia hat andere Voraussetzungen: Der Zugang zu Informationen ist besser“, erklärt Köberle. 70 Prozent der Bevölkerung hätten Zugang zum Internet, während die Netzdurchdringung in der Subsahara-Region insgesamt bei unter 20 Prozent liegt. Auch der Faktor Bildung spielt der positiven wirtschaftlichen Entwicklung in die Hände. Die Anzahl der Studierenden hat sich in Subsahara-Afrika zwischen den Jahren 1999 und 2015 mehr als verdreifacht. Da jedoch erst 8,5 Prozent einer Altersgruppe studieren, besteht verglichen mit dem Weltdurchschnitt von 36,8 Prozent weiterhin ein großes Wachstumspotenzial. Dasselbe gilt für die gesamten Ausgaben für Forschung und Entwicklung, die in Subsahara-Afrika weiterhin nur einen Anteil von 0,4 Prozent am Bruttoninlandsprodukt ausmachen. Der Weltdurchschnitt liegt bei 1,7 Prozent.

Firmen profitieren

Haben deutschsprachige Unternehmen diesen Wachstumsmarkt bereits für sich entdeckt? Laut Außenwirtschaftsprofi Thaler ist noch sehr großes Potenzial vorhanden. Rund 200 heimische Unternehmen sind derzeit in Afrika aktiv, speziell an den Rändern des Kontinents im Norden und Süden. Dort werden etwa in den großen Städten Seilbahntransportsysteme als Alternative zu Stadtautobahnen entwickelt. „Hier kommen die Vorarlberger Spezialisten von Doppelmayr/Garaventa zum Zug, vor allem in Algerien“, erzählt Thaler. Auch der österreichische Verpackungsspezialist Alpla ist bereits mit 19 Produktionsstätten in Afrika vertreten. Ebenso wie das Salzburger Unternehmen Skidata: Der Entwickler von Stadion-Zugangssystemen hat den Einstieg in Afrika über die Fußball-WM 2010 geschafft und verkauft jetzt auch Technologien, die das Parken mit dem Mobiltelefon als Zahlungsmittel ermöglichen. „Die Unternehmer sollen sich ihr eigenes Bild vor Ort machen, ihre Netzwerke aufbauen und sich auf einzelne Märkte konzentrieren“, rät Thaler heimischen Unternehmen, die zum Sprung nach Afrika ansetzen. Der Handlungsbedarf für die Lösung alltäglicher Probleme bleibt enorm. Der Trend in Richtung Urbanisierung nimmt zu und erfordert smarte Lösungen in den Bereichen Wohnen, Transport, Umwelt, Abfall oder auch Energie. 2016 wurde in Ruanda bereits der erste Airport für unbemannte Flugzeuge eröffnet – mangels ausgebauter Straßensysteme werden Cargo-Drohnen zu effizienten Transportalternativen für Blut und medizinischen Bedarf.

 

Interview

Ekkehard Redlhammer, Exportberater

"Verlässliche Partner vor Ort sind entscheidend"

» mehr Informationen

Erobern Sie neue Märkte - Wir gehen mit!

Die Raiffeisenlandesbank OÖ unterstützt Sie bei der Finanzierung Risikoabsicherung Ihrer Export-, Importgeschäfte und Auslandsinvestitionen. Mit maßgeschneiderten Lösungskonzepten sowie der jahrelangen Auslandskompetenz schaffen wir gemeinsam die Basis für Ihren Unternehmenserfolg im Ausland.

» mehr Informationen

Artikel hat folgende Inhalte:
Länder
Artikel teilen:

Weitere Artikel

Russland: Das russische Silicon Valley

Interview: Ekkehard Redlhammer

Interview: Patrick Kramer

Mehr auf Raiffisen Oberösterreich

Copyright 2018 Raiffeisen OÖ. All rights reserved.