RUSSLAND

Das Patt wird verlängert

Russland: Das Patt wird verlängert

Seit vier Jahren belegen sich die EU und Russland gegenseitig mit Handelssanktionen. Die Exportwirtschaft hat mittlerweile mit den Embargos leben gelernt – und Auswege gefunden.

Seit 2014 haben sich Russland und die EU aufgrund des Ukraine-Konflikts gegenseitig mit Wirtschaftssanktionen belegt. Mittlerweile sollen die EU-Sanktionen Russland bereits einen dreistelligen Milliardenbetrag gekostet haben, und auch die europäische Wirtschaft wurde in Mitleidenschaft gezogen – 40 Prozent der Handelsverluste mit Russland tragen jene 37 Länder, die sich für die Sanktionen entschieden haben, darunter alle EU-Mitglieder und die USA. Der starke Ölpreisverfall Ende 2014 sowie die damit verbundene Abwertung des Rubels haben zusätzlich zum ökonomischen Abschwung geführt.

EIN RIESE IN DER KRISE

Von Sanktionen und Gegensanktionen

Seit die ukrainische Halbinsel Krim im Februar 2014 von Russland annektiert wurde, hat die EU Sanktionen gegen Russland verhängt. Der Absturz eines malaysischen Flugzeugs mit 298 Menschen an Bord über der Ostukraine im Juli 2014 verschärfte die Krise. Prorussische Separatisten sollen es abgeschossen haben, Moskau dementiert. Mit der Koppelung der Strafmaßnahmen an den Minsker Friedensplan will die EU den russischen Präsidenten Wladimir Putin dazu bewegen, seinen Einfluss für eine Beilegung des Ukraine-Konflikts zu nutzen. Die russische Führung hält die Strafmaßnahmen für ungerecht und reagiert auf die Wirtschaftssanktionen mit Einfuhrverboten für westliche Agrarprodukte wie Obst, Milchprodukte und Fleisch. Die wirtschaftlichen Folgen sind auf beiden Seiten enorm. So brachen sanktionsbedingt die EU-Exporte nach Russland um 30 Milliarden Euro ein. Nachdem jedoch im Ukraine-Konflikt noch keinerlei Fortschritte erzielt wurden, entschieden sich die Staats- und Regierungschefs der europäischen Gemeinschaft, im Interesse der Menschen in der Ostukraine die Wirtschaftssanktionen gegen Russland abermals zu verlängern. Sie sollen nun weitere sechs Monate gelten.

Vorteil vor Ort

Zwar haben die Folgen der Russland-Sanktionen auch Spuren in der österreichischen Exportbilanz hinterlassen, die Auswirkungen bei vielen heimischen Unternehmen mit Russland-Engagement sind aber alles andere als existenziell. So konnte etwa der Salzburger Kranspezialist Palfinger trotz der noch immer bestehenden Strafmaßnahmen seinen Marktanteil deutlich steigern. Wesentlicher Grund dafür: Das Unternehmen verfügt seit 2011 über eigene Produktionsstätten in Russland. In diesem Jahr baute Palfinger sein Russland-Geschäft mit der Übernahme des russischen Kranherstellers Inman weiter aus. Die Gruppe konnte im Jahr 2017 trotz gesamtwirtschaftlicher Turbulenzen in den einzelnen Marktregionen den Umsatz auf einen neuen Rekordwert steigern. Palfinger genießt den Vorteil, in Russland zu produzieren und zu beschaffen, sodass wir unseren Marktanteil signifikant ausbauen konnten“, bestätigt Finanzvorstand Felix Strohbichler.

„Der positive Trend hat sich fortgesetzt. Wir sind mit dem Geschäftsverlauf im Jahr 2017 sehr zufrieden.“ Die Unternehmensgruppe mit Sitz in Bergheim zählt zu den international führenden Herstellern innovativer Hebelösungen, die auf Nutzfahrzeugen und im maritimen Bereich zum Einsatz kommen. Neben USA, Frankreich und Deutschland ist Russland als größtes Land der Welt für Palfinger ein wichtiger Absatzmarkt. Der Anteil am Konzernumsatz betrug im vergangenen Jahr rund sieben Prozent. „Unsere lokale Wertschöpfung ist sicher der größte Vorteil. In drei eigenen Produktionswerken und zwei Produktionswerken zusammen mit unserem Joint-Venture-Partner Kamaz beschäftigen wir rund 2.000 Mitarbeiter in Russland“, erläutert Strohbichler. „Wir gelten vor Ort als russisches Unternehmen und fühlen uns sehr willkommen. Österreich wird als zuverlässiger Partner und Technologielieferant gesehen.

 

Made in Austria hat auch in Russland einen guten Namen.

Felix Strohbichler, Finanzvorstand Palfinger Gruppe

Am Puls des Geschehens

Den Vorteil einer eigenen Produktionsstätte vor Ort genießt auch die Gabriel-Chemie Group, die auf das Veredeln und Einfärben von Kunststoffen spezialisiert ist. Das Gumpoldskirchner Unternehmen ist neben Standorten in Deutschland, Tschechien, Ungarn und Spanien seit 2007 auch in Russland mit einer eigenen Niederlassung erfolgreich tätig. „Die lokale Produktionsstätte im Südwesten Moskaus ermöglicht es uns – speziell im Vergleich zu den importierenden Mitbewerbern –, schneller in der Farbnachbestellung und Lieferung zu sein“, erklärt CFO Andreas Berger. Von den Strafmaßnahmen war das Unternehmen bisher nicht direkt betroffen, da die angebotenen Produkte nicht auf der Liste der EU-Sanktionen stehen. „Indirekt aber schon, weil die russische Wirtschaft in eine Rezession geschlittert ist und erst 2017 wieder ein zartes Wachstum erzielt wurde“, sagt Berger. Durch die Rezession war der Kampf am Markt mit den Mitbewerbern zum Teil sehr erbittert.

Trotzdem will der Kunststoffspezialist eine neue Produktionsstätte im Industriepark Vorsino einrichten und so die Kapazitäten erweitern. Die Fertigstellung des ersten Abschnittes und die Übersiedlung vom bisherigen Standort in Dorokhovo sind bis Ende 2018 geplant.

Wir sehen eine Chance, mit qualitativ höherwertigen Produkten sowohl bei lokalen als auch bei internationalen Partnern zu punkten.

Anreas Berger, CFO Gabriel-Chemie Group

Zudem hat die Gabriel Gruppe acht von zwölf Fußballstadien für die bevorstehende Weltmeisterschaft mit seinen Kunststoffadditiven für Sitze beliefert. „Bei den vielen Gesprächen, die ich persönlich in Russland geführt habe, hatte ich nie den Eindruck, dass Österreicher zu sein, ein Nachteil ist“, meint Berger. Das Gegenteil sei eher der Fall. „Auf der anderen Seite kauft niemand unsere Produkte, nur weil im Hintergrund eine österreichische Zentrale steht. Wir sagen in Russland, dass wir ein russisches Unternehmen eingebettet in ein internationales Unternehmen sind.“

Schwache Kaufkraft

Die wirtschaftliche Entwicklung des größten Marktes für nordische Ski, nämlich Russland, ist für die Fischer Sports ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Von den Strafmaßnahmen gegen Russland ist das Unternehmen nur indirekt betroffen. „Der Import unserer Produkte ist uneingeschränkt möglich“, so Geschäftsführer Franz Föttinger. „Indirekt wirken sich die Sanktionen jedoch durch den Verfall des Rubels und der damit verbundenen geringeren Kaufkraft der russischen Konsumenten aus.“ Das Familienunternehmen mit seinen Produktionsstandorten in Ried im Innkreis und dem ukrainischen Mukatschewo ist Gesamtanbieter für den alpinen und nordischen Skisport, sowie spezialisiert auf Hockey, und zählt zu den weltweit größten Skiherstellern.

Pro Jahr werden etwa eine Million Paar Ski produziert. Derzeit beschäftigt das Unternehmen rund 1.700 Mitarbeiter, davon 470 in Österreich, 900 in der Ukraine und den Rest in den fünf internationalen Vertriebsgesellschaften in Deutschland, der Schweiz, Frankreich, Russland und den USA. Russland war bis zum Jahr 2013/14 der mit Abstand größte Auslandsmarkt für Fischer. Mit dem Verfall des Rubels wurden die importierten Ski zu teuer, wodurch die Umsätze auf rund ein Viertel zurückfielen. Aktuell erholt sich der russische Markt wieder deutlich. Im aktuellen Geschäftsjahr, das mit Ende Februar 2018 endet, wird eine wesentliche Umsatzsteigerung erwartet.

Ein Rückzug aus Russland ist für uns dennoch kein Thema, denn Sport hat in Russland einen großen Stellenwert.

Franz Föttinger, Geschäftsführer Fischer Sports

Positive Weiterentwicklung

Mit rund 1,8 Millionen Geburten im Jahr ist Russland auch für Babykost-Hersteller Hipp ein wichtiger Markt. „Weil wir an das Land glauben, haben wir dort schon vor zehn Jahren eine eigene Produktion aufgebaut“, so Stefan Hipp, Gesellschafter der Hipp-Gruppe. In der kleinen Grenzstadt Mamonowo werden Babynahrung, Säfte und andere Getränke hergestellt. „An diesem Standort arbeiten wir mit rund 100 Mitarbeitern. Für die Produktion in Russland ist das Unternehmen allerdings auf den Import von Biorohstoffen angewiesen, da es die benötigte Menge in der geforderten Qualität noch nicht im Land gibt. So war Hipp durch die Kursturbulenzen des Rubels gezwungen, die Preise anzuheben. Dann kamen die Gegensanktionen Russlands. „Das Importverbot für Lebensmittel aus der EU hat uns damals natürlich getroffen, und wir mussten unsere Produktion zurückfahren“, erzählt Hipp. Es konnten nur noch 20 Prozent dessen produziert werden, wozu die Firma eigentlich in der Lage wäre. Seitdem das Embargo für die Einfuhr von Biofleisch und Biogemüse für die Herstellung von Babynahrung gelockert wurde, ist die Produktion wieder voll im Gang.

Der Zeitplan hat sich durch die Sanktionen sicherlich verschoben, aber wer langfristig etwas aufbauen will, braucht auch manchmal Geduld. Mittlerweile sind wir auf einem guten Weg.

Stefan Hipp, Gesellschafter Hipp-Gruppe

DOS AND DON’TS

  • Keine negativen Äußerungen über die russische Regierung!
  • Bei Verhandlungen ist Durchhaltevermögen angesagt. Die russischen Bürokratiemühlen mahlen langsam, und vorzeitig Deadlines zu setzen, gilt als unhöflich.
  • Auf Pünktlichkeit wird Wert gelegt. Je nachdem, wie pünktlich die Teilnehmer erscheinen, lässt sich feststellen, wie wichtig das Treffen ist.
  • Russische Geschäftspartner scheuen sich nicht, während der Verhandlung ihre Gefühle durch Mimik und Gestik kundzutun. Zustimmung und Zufriedenheit werden durch Winken und Nicken zum Ausdruck gebracht. Schüttelt man Ihnen nach dem Treffen intensiv die Hände, dürfen Sie sich über einen erfolgreichen Geschäftstermin freuen.
  • Geschäftspartner werden in Russland bei einem Folgetreffen nach gutem Auftakt mit einem dreifachen Wangenkuss begrüßt.
  • Im Türrahmen wird nie die Hand gegeben.
  • Häufig werden Verhandlungen, Entscheidungen oder Meetings bei einem Abendessen anberaumt.
  • Wird man um einen Gefallen gebeten, ist dies ein deutliches Zeichen dafür, dass man eine persönliche Beziehung zu dem Geschäftspartner erfolgreich aufgebaut hat.

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