Russland

Das russische Silicon Valley

Russisches Reißbrett

Um die Hightech-Spitze zu erreichen, kümmert sich der höchste Führungszirkel Russlands persönlich um die Entwicklung entsprechender Ökosysteme. Die Nagelprobe steht der Strategie noch bevor.

Nach Überwindung der jüngsten Wirtschaftskrise misst sich Russland erneut und kompetitiv wie eh und je am Westen. Und gräbt auch die Idee der Hightech-Städte aus der Staatsretorte wieder aus. Rückblende. Vor fast 60 Jahren besuchte Nikita Chruschtschow die USA. Der Obersowjet war überzeugt, dass die kommunistische Sowjetunion die USA „einholen und überholen“ werde. Dafür wurden auch gewaltige Anstrengungen unternommen. Städte wie die 1958 nordwestlich von Moskau geplante Stadt Zelenograd wurden im engeren Wortsinn auf der grünen Wiese neu errichtet (zelenij = russ. „grün“). Hier wurden technische Forschungseinrichtungen angesiedelt, zu denen Ausländer bis 1991 nicht einmal Zutritt hatten.

Der Wille zur Innovation

Die heutige Russische Föderation nimmt den Wettlauf um die Nummer eins wieder auf. Hat Russland doch gerade im Bereich Mathematik immer Weltklasse-Leute hervorgebracht. Zwei prominente Beispiele: Sergej Brin, Google-Mitbegründer, wurde in Moskau geboren. Alexej Paschitnow, Dimitri Pawlowski und Wadim Gerassimow erfanden an der Moskauer Akademie der Wissenschaften den weltweiten Computerspielerfolg „Tetris“.

Dimitri Medwedew persönlich, Wladimir Putins Regierungschef und für eine Periode interimistisch auch sein Präsident, setzt etwa auf den studierten Mathematiker Wiktor Wekselberg – einer der zehn reichsten Russen und unter den hundert reichsten Menschen des Planeten. Über seine Holding Renova ist er auch an einer Vielzahl von Unternehmen beteiligt, vor allem in Russland und in der Schweiz. 2010 bekam er von Medwedew den Auftrag, ein „russisches Silicon Valley“ in Hauptstadtnähe ins Leben zu rufen. Drei bis vier Nobelpreisträger sollen dort forschen und arbeiten. Als Standort wurde das 400-Seelen-Dorf Skolkowo ausgewählt, rund 20 Kilometer vom Kreml entfernt. Hier sollen bis zu 50.000 Technikerinnen und Techniker studieren, forschen, leben und arbeiten. Rund um das Skolkowo Innovation Center entsteht derzeit ein Ökosystem aus Schulen, Universitäten, Fördereinrichtungen, Labs, Inkubatoren, Finanzierungsprogrammen und Firmen. Vorbild ist das Massachusetts Institute of Technology, mit dem seit mehreren Jahren auch eine Partnerschaft besteht. Projektkoordinator Wekselberg präsidiert die „Stiftung für die Entwicklung der Innograd Skolkowo“ („grad“ = russ. „Stadt“), der viele internationale Wirtschaftspromis angehören, wie etwa der französische Unternehmer Martin Bouygues oder der frühere Nokia-Chef und nachmalige finnische Ministerpräsident Esko Aho. Durch die Kontakte zu den höchsten Stellen im Kreml ist unter den kooperierenden Firmen stets das „Kto jest kto“ (Who’s who) der russischen, aber auch der internationalen Wirtschaft. Vor allem der Siemens-Konzern wurde immer wieder genannt. Peter Löscher, früher CEO bei Siemens, war auch im Stiftungsrat. Erste Erfolge werden bereits präsentiert: „Es existieren sehr viele Programme und Stiftungen, die extra dafür geschaffen wurden, um Start-ups aus verschiedenen Bereichen zu unterstützen. Die Unterstützung ist so gut, dass Moskau selbst im internationalen Vergleich als einer der besten Orte zum Gründen bezeichnet wird“, sagt etwa Michail Perepelitskij, Gründer des russischen Start-up-Unternehmens Onetrak, das auf Fitnesstracker spezialisiert ist. Das Entwicklungsprogramm läuft bis 2020.

Russland ist einer der Zukunftsmärkte für neue, digitale Technologie.

Artem Snegirev, VP Correspondent Banking RLB OÖ

Liebe zur digitalen Technik

„Es ist sehr interessant zu beobachten, wie sich der neue Technologiesektor in Russland entwickelt“, erklärt Artem Snegirev, als Vice President Correspondent Banking der Raiffeisenlandesbank OÖ für die Regionen Osteuropa und Lateinamerika zuständig. Neben der Positionierung der Bank als international anerkannter Geschäftspartner und dem Bereich Handels- und Bankfinanzierungen ist das Correspondent Banking in der Raiffeisenlandesbank OÖ auch zuständig für die Unterstützung von Firmenkunden bei deren Geschäften im Ausland. Dieser Bereich umfasst die Absicherung und Finanzierung von Exportgeschäften, die Unterstützung bei Kontoeröffnungen, die Abklärung lokaler Finanzierungs- sowie sonstiger Produktmöglichkeiten (z.B. Cash-Management) und allgemeine Bonitätsauskünfte über Banken und Länder. „Durch regelmäßige Reisen in die wichtigsten bestehenden und neuen Märkte sowie den Besuch internationaler Bankenmessen und Konferenzen und unsere tägliche Zusammenarbeit in diversen Produktbereichen haben wir langjährige und gute Kontakte zu unseren Partnerbanken in sämtlichen Regionen der Welt“, erzählt Snegirev. Die Technologieliebe Russlands fällt ihm schon seit längerer Zeit auf: „Im Finanzsektor zum Beispiel werden neue digitale Technologien sehr schnell eingesetzt und verwendet. Die russischen Finanzinstitute haben bei der Entwicklung von digitalen Produkten und Plattformen ambitionierte und konkrete Zeitpläne.

Skolkowo setzt auf Robotik und lädt jährlich zu einer internationalen Messe, um die neuesten Entwicklungen einem breiteren Publikum zugänglich zu machen.
 

Schwierige Verwicklungen

Die äußerst große Nähe der neuen Technozentren zum russischen Staat kann auch zum Nachteil werden: Sogar Innograd-Promoter Wiktor Wekselberg selbst geriet zwischen die geopolitischen Fronten. Der Name des gebürtigen Ukrainers findet sich seit April 2018 auf einer Sanktionenliste der Vereinigten Staaten, die wegen Putins Syrien- und Ukrainepolitik in Kraft getreten ist. Im Februar 2013 wurde außerdem ein Verfahren gegen das Forschungszentrum eröffnet. Denn für das Projekt Innograd wurden 55 Milliarden Rubel aus dem Staatsbudget ausgegeben, es kam aber weniger als die Hälfte an.

Und Kritiker, die man in Russland nur selten hört, monieren, es laufe etwas zäh. Die Nagelprobe für Skolkowo wird sein, innovative Kleinunternehmen anzuziehen und die hohen Aufwendungen für Planung und Errichtung zu rechtfertigen. Wobei Skolkowa beileibe nicht das einzige Projekt dieser Art in Russland ist: Selbst das unter Chruschtschow geplante Zelenograd hat durch die Mikroelektronikindustrie einen erneuten Aufschwung erfahren und gilt wieder als eines der „Silicon Valleys“ Russlands. Und mit der Technostadt Innopolis nahe Kasan in Tatarstan zieht man zum ersten Mal seit dem Ende der Sowjetunion erneut eine auf dem Reißbrett geplante ganze Stadt mit eigenem Statut hoch – so wie einst das Städtchen Toljatti 1955 für die Fiat-Lada-Werke neu errichtet worden war. Innopolis liegt ebenfalls an der Wolga und wurde von Liu Thai Ker entworfen, jenem Architekten, der in den 80er-Jahren die heutige Millionenmetropole Singapur völlig neu geplant hatte. Auch hinter Innopolis steht Technikfan Dimitri Medwedew. Im mit Öl reich gewordenen Tatarstan legte Medwedew 2012 den Grundstein. Bereits 2015 erhielt Innopolis das Dekret, dass es eine Stadt ist. Errichtet wurden dort die erste IT-Universität des Landes, Schulen, Kindergärten, ein Spital – alle mit hoher Affinität zur Informationstechnologie. Der Plan ist: Bis 2035 sollen in Innopolis 150.000 Menschen leben und arbeiten, jeder Zweite davon soll ein IT-Spezialist sein. Derzeit ist Innopolis eine große Baustelle. Relativ menschenleer – noch. Die autonome Republik Tatarstan lockt ausländische Firmen mit Steuergeschenken. Innopolis, 23 Kilometer nördlich der Hauptstadt Kasan, ist – wie Skolkowo und Zelenograd auch – eine begünstigte Sonderwirtschaftszone.

Mit vielen Initiativen soll auch Innopolis eines der Zentren des digitalen Russlands werden. Das Thema, um das es in Russland derzeit überall geht: „Digitale Kooperation. Neue Möglichkeiten für die Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft“. Snegirev: „Natürlich wird es hier in nächster Zeit Herausforderungen für Investoren, Entwickler und Spezialisten in diesem Technologiesektor geben. Wenn man aber die Größe des Bedarfs der russischen Finanzinstitute und Unternehmen analysiert, erkennt man schnell, dass das Land einer der Zukunftsmärkte für neue digitale Technologien ist.“

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